Rainer Sturm / pixelio.de
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Freundlichkeit – 29.03.2020

Heute ist Sonntag. Tag 15. Kein großer Unterschied zu sonst, also unter der Woche: Die Straßen sind leer, die Shops geschlossen, die Straßenbahnen fahren seltener und der Luftraum ist ohne Fluglärm. Es ist stiller geworden und heute Sonntag ist es still-still. Also die Stille in der Stille. So wünsche ich mir die „stillste Zeit des Jahres – Weihnachten. Aber jetzt? Jetzt haben wir Frühlingsbeginn.

Obwohl, der Schein trügt. Gestern waren mein Mann und ich am Exelberg in Wien mit dem Hund spazieren. Da war es alles andere als still. Viele Radfahrer und Spaziergänger waren dort unterwegs. Alle waren sehr nett und wir begegneten ihnen mit dem erforderlichen Abstand. Wir setzten uns auf ein Bankerl und plauderten. Ein Radfahrer blieb stehen und begann sich zu uns zu gesellen – natürlich mit Sicherheitsabstand.

Er erzählte uns aufgeregt, dass er eben vorhin von einem Autofahrer aggressiv attackiert worden sei. Etwas später erging es ihm ähnlich mit einer Frau auf einer Wiese. Er redet und redete – vor allem, wie unsolidarisch die Menschen aktuell seien – und streichelte unseren Hund dazwischen. Wir hörten ihm zu und beruhigten ihn. Als wir uns nach einer Weile von ihm verabschiedeten, wünschte ich ihm ab jetzt nur mehr nette zwischenmenschliche Begegnungen. Er antwortete, dies hätte bereits für ihn begonnen, indem er mit uns gerade reden durfte und dies hätte ihm sehr geholfen.

Freundlichkeit ist ansteckend. Unfreundlichkeit jedoch leider auch. Dieser Umstand ist evolutionär bedingt. Unser Herdentrieb zieht uns sozusagen mit, das heißt: Wir passen uns mit unserem Verhalten einer Gruppe an. In einem Gastbeitrag für „Psychology Today“ erklärte der Epidemiologe Jeremy Howick kürzlich, wie wir den Herdentrieb für positivere zwischenmenschliche Beziehungen und mehr Mitgefühl einsetzen können. Wir können:

  • Familienangehörige und Freunde anrufen und uns nach ihnen erkundigen,
  • Fremde im Wald oder Park freundlich anlächeln und grüßen,
  • ein Gespräch mit Nachbarn und Spaziergängern führen – natürlich unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes. 

Wer angelächelt werde und Freundlichkeit erfahre, schreibt Jeremy Howick, der gebe beides mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst weiter, denn diese Gesten seien ansteckend: „Wenn wir das machen, können wir also eine ansteckende Welle der Freundlichkeit erzeugen, die uns allen helfen wird, diese Zeit zu überstehen.“ Genau das brauchen wir jetzt. Denn viele von uns sind durch die Corona-Krise wie ein zerbrechliches Pflänzchen. Sorgsam und achtsam sollte dieses gegossen werden. Die Stille gibt uns die Kraft und nährt uns dafür.

Foto: Rainer Sturm  / pixelio.de

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