Ich bin, weil Du bist

Die  Menschlichkeit eines jeden wird an seiner Beziehung zu anderen gemessen. Das drückt das afrikanische Wort „Ubuntu“aus. Dahinter liegt der Gedanke „Ich bin, weil Du bist“oder anders und erweitert ausgedrückt „Du bist, weil wir sind“. Egal in welchem Land wir leben, überall auf der Welt geht es uns gleich: Wir leben in Beziehungen. Wir brauchen diese und sie brauchen uns. Zumeist haben wir uns diese nicht einmal selber ausgesucht, sondern wurden in sie hinein verflochten. Manchmal glücklich, manchmal unglücklich und oftmals können uns diesen Beziehungsgef(l)echten gar nicht entziehen, so gerne wir auch möchten: Der überspannte Mitarbeiter, der ärgerliche Chef, die nervenden Eltern oder schwierigen Schwiegereltern bis zum unangenehmen Nachbarn. Die Liste kann sehr lang sein.

Unser Lebensglück hängt entscheidend davon ab, wie wir in unsere Beziehungsgeflechte eingebettet sind und sie in uns, sowohl im beruflichen wie auch im privaten. Nicht umsonst sind die tiefsten Wunden unseres Lebens Beziehungswunden. Das sind Wunden, für die es oftmals kein Pflaster, kein Verbandszeug und kein Medikament gibt. Trost spendet nicht die Zeit, wie uns der französische Philosoph Voltaire mit seinem Spruch „die Zeit heilt alle Wunden“  weiß machen möchten.

Trost spendet, dass wir alle im Spiegelbild unserer Beziehungen leben und alle vor der gleichen Herausforderung stehen sind, mit diesem Spiegel umzugehen. Zudecken, umdrehen, Blick verweigern, anjammern, rechtfertigen, Vorwürfe machen, das alles hilft nicht. Hineinblicken und fragen, besser gesagt hinterfragen, hilft eher: Welche Beziehungen stärken mich und beflügeln mich? Welche Beziehungen belasten mich und sollte ich klären? Um diese Fragen kommen wir nicht herum.

Im Bewusstsein unseres Beziehungsgeflechts merken wir dann oft erst, wie sehr es darum geht, offen zu sein, zuzuhören, Vertrauen entgegenzubringen, unterschiedliche Meinungen wahrzunehmen, Bedürfnisse, Sehnsüchte und Gefühle unseren Beziehungen mitzuteilen. Kurz und in den Worten des bekannten Neurobiologen und Arztes Joachim Bauer ausgedrückt: „Nicht dass wir um jeden Preis überleben, sondern dass wir andere finden, die unsere Gefühle und Sehnsüchte binden und spiegelnd erwidern können, das ist das Geheimnis des Lebens.“

Dieser Beitrag ist im Magazin NOTA BENE – Zeitschrift für das Österreichische Notariat, Ausgabe Nr. 133 im Februar 2015 erschienen.

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