Unterlassungen unterlassen

Wir glauben doch immer, es sind unsere Handlungen und Wörter, die Irrwege auslösen, Ängste schüren und Freiheiten begrenzen. Aber es sind schlichtweg oftmals einfach nur die Unterlassungen. Ein Beispiel dazu: Bekam ich eine Mail-Anfrage eines Vermarkters von Advertorials, der meinte, er wäre an einer Kooperation mit qualitativ, hochwerten Webseiten interessiert. Meine Website ent-scheidung.at erscheint ihm bezüglich der Vermarktbarkeit und Reichweite sehr passend, sodass einige seiner Kunden Interesse an einer Artikelplatzierung haben, was für mich die Chance wäre, eine zusätzliche Verdienstmöglichkeit zu erschließen.

Für mich als Publisher würde das dann so aussehen: Ich bekäme die Aufgabe einen thematisch passenden Beitrag (ca. 300 Wörter) zum Link eines Unternehmens zu erstellen und diesen, gemeinsam mit dem Keyword und der Ziel-Url, auf der gewünschten Seite zu platzieren. Inhaltlich wäre es sehr wichtig, dass die Artikel und die darin gesetzten Links so “natürlich” wie möglich aussehen, zum Thema der Seite passen und in einem neu verfassten Beitrag bzw. Artikel integriert werden. Darauffolgend bekäme ich zum Monatsanfang eine Gutschrift und hätte keinen weiteren bürokratischen Aufwand. “Ja, bin damit einverstanden” schreibe ich zurück und vermerke dazu, dass unter solch einem Artikel dann natürlich der Vermerk “bezahlter Artikel” stehen würde. Daraufhin bekomme ich die Antwort zurück: “Leider suchen unsere Kunden nur nach Websites, die die Artikel nicht kennzeichnen”.

Was denken Sie? Vielleicht, was denn schon dabei ist, es zu unterlassen, solch einen kurzen Satz unter einem bezahlten Artikel zu erwähnen, wenn man dafür Geld bekommt? Nun, da ist eine Menge dabei. Eine große Menge. Diese riesengroße Menge nennt sich Unabhängigkeit. Und genau diese Unabhängigkeit ist mir viel wert. Also schreibe ich dem Vermarkter zurück, dass ich dies nun als Beleidung auffasse, da doch tatsächlich meine reaktionelle Käuflichkeit vorausgesetzt wird und dass dies aus Sicht meines redaktionellen Qualitätsstandards nicht möglich ist, da ich meine maximale Unabhängigkeit als unverzichtbar ansehe. Solch eine Unterlassung würde übrigens so ganz nebenbei aus Journalismus eine andere Berufsgruppe machen. Nämlich PR und ihre Kunst, eine günstige öffentliche Meinung zu schaffen. Die Unterlassung eines kitzekleinen Satzes wie “bezahlter Artikel” wäre demnach ein Betrug an jeden Leser. Wir sollten bedenken, wieviele solche Unterlassungen wohl im World Wide Web herumgeistern, zur Manipulation unseres Bewusstseins und unseres Konsums dienen und Irrwege auslösen, Ängste schüren und unsere Freiheiten begrenzen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code